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Vor dem Haus in dem Oma wohnte kamen Herrn Oink von Ploink zwei Polizisten entgegen. Das beunruhigte ihn. Andererseits hatten sie Oma nicht bei sich. Das beruhigte ihn. Wenn sie Oma nicht verhaftet hatten, gab es wohl nicht ausreichend Beweise – zumindest noch nicht.

Ein Türklingelgeräusch und eine Hundefutterduftwolke später wurde die Oink von Ploinksche Optimismusskala schlagartig durch ein Omalächeln aufgefüllt.

  • "Komm rein Oskar, es gibt Zitronenkuchen."
  • "Zitronenkuchen?"

Herr Oink von Ploink, dessen Vorname übrigens nicht Oliver war, wirkte entsetzt. Oma machte Mamorkuchen. Das war schon immer so gewesen. Oma und Mamorkuchen gehörten so zusammen wie... Sach und Bearbeiter. Eine Oma ohne Mamorkuchen war undenkbar.

  • "Ja, Zitronenkuchen."

wiederholte Oma und dann ergänzte sie:

  • "Ich wollte etwas neues ausprobieren. Jetzt wo wir gesuchte Kriminelle sind, weiß man ja nicht, wie lange ich noch Gelegenheit zum Kuchenbacken habe.

  • "Aber..."

Oskar wusste nicht, wie er anfangen sollte, Oma zu erklären, dass Zitronenkuchen einfach falsch war.

  • "Probier mal ein Stück!"

Oma schnitt eine Scheibe von dem Kuchen ab und legte sie auf einen Teller, den sie Oskar hin hielt. Zögerlich nahm er den Teller und biss in den falschen Kuchen. Zu seinem Ärger schmeckte der Kuchen wirklich gut. Fast schon ein bisschen besser als Mamorkuchen. Der Zitronenkuchen hatte etwas frisches. Er aß den Rest von dem Stück auf seinem Teller. Dann wechselte er das Thema:

  • "Ich habe zwei Polizisten aus dem Haus gehen sehen. Waren die bei dir?"
  • "Oh ja, ihnen hat der Zitronenkuchen auch geschmeckt."
  • "Was wollten sie denn?"
  • "Dies und das haben sie gefragt. Zum Beispiel wollten sie von mir wissen, ob ich in letzter Zeit eine Absperrung bestellt hätte. Es fiel mir nicht schwer, darauf verwundert zu reagieren. Dann haben sie mir erzählt, dass eine Absperrung, die von meinem Bankkonto bezahlt wurde, bei einer Straftat beteiligt war. Ich versicherte ihnen, dass sie sich irren müssten. Einer der beiden Polizisten zeigte mir dann die Abbuchung und der schusseligen, alten Oma ging plötzlich ein Licht auf. Das war ja genau der Betrag, um den mich mein Enkel Martin Müller am Telefon gebeten hatte. Sie fragten mich dann, ob Martin Müller tatsächlich der Name meines Enkels wäre. Ich reagierte verwirrt und antwortete, dass mein Enkel natürlich Oskar Oink von Ploink heißt. Das schien die beiden zufrieden zu stellen. Sie drückten ihr Bedauern darüber aus, dass ich am Telefon betrogen worden war und versicherten mir, dass sie alles unternehmen würden, um mir mein Geld zurück zu geben."
  • "Das war alles?"
  • "Die beiden waren schon aufgestanden und hatten sich verabschiedet und für den leckeren Zitronenkuchen bedankt. Da drehte sich der eine nochmal um und fragte mich, ob ich mich erinnern könne, was ich wohl am gestrigen Abend gemacht hätte. Ich antwortete, dass ich einen Mamorkuchen gebacken hatte, den ich mit meinem Enkel zusammen im Park verspeiste bevor ich einen längeren Spaziergang mit Herkules machte. Zu meinem Glück hatte mich sogar ein guter Bekannter auf dem Rückweg gesehen und konnte den Polizisten das bestätigen."
  • "Bei mir waren sie auch. Den Telefonanruf beim Fachhandel für Straßenbaubedarf konnten sie zu meinem Schreibtisch zurück verfolgen. Momentan verdächtigen sie wohl noch eine unbekannte Person, die sich unbefugt Zugang verschafft hat. Doch in Zukunft müssen wir vorsichtiger sein."
  • "In Zukunft?"

fragte Oma neugierig.

  • "Ja, ich hatte dir doch von dem zweiten Loch erzählt, oder? Das muss natürlich auch abgesperrt werden."

Also arbeiteten die drei (Herkules schaute interessiert zu) einen komplizierten Plan aus, bei dem S-Bahn-Fahrten in andere Stadtteile und gekaufte Handys mit anonymen Nummern eine Rolle spielten. Sie schrieben jeden Schritt auf, gingen alles mehrmals durch, korrigierten hier und da eine Kleinigkeit, zerrissen dann die Zettel und spülten die Fetzen im Klo herunter.

Zwei Tage später stattete ein SEGSI-Ermittler Gerhard Geißbock einen Besuch ab.

  • "Guten Morgen, Herr Geißbock! Sie können sich sicherlich noch an mich erinnern: Ich war vor zwei Tagen schon einmal hier wegen einer ungewöhnlichen Bestellung eines gewissen Martin Müllers. Laut Einsatzzentrale haben Sie heute eine weitere Bestellung gemeldet, die nicht den üblichen Kriterien entsprach."
  • "Ja, allerdings. Eine gewisse Margarethe Morgenrot rief an. Wie beim letzten Mal, bestellte Sie Absperrungen in geringer Stückzahl. Die meisten Aufträge erhalten wir hier von den Abteilungen für Straßenbau und Straßenausbesserung. Beide bestellen in der Regel 100 oder mehr Absperrungen auf einmal. Doch nicht nur das war seltsam an dem Telefonat. Die Stimme von Margarethe Morgenroth klang deutlich älter als eine durchschnittliche Sachbearbeiterin."
  • "Haben Sie die bestellte Ware bereits geliefert?"
  • "Selbstverständlich nicht. Zunächst wollte ich Sie kontaktieren."
  • "Sehr gut! Bitte liefern Sie die gewünschte Ware aus, sobald die Zahlung eingetroffen ist. Meine Kollegen und ich werden vor Ort sein und die Täter fassen."

Sofort machten sich drei SEGSI-Einsatzwagen auf den Weg zu einem verlassenen Fabrikgebäude am Stadtrand. Sie parkten in einiger Entfernung und die Polizisten postierten sich rund um das Gelände. Etwa eine Stunde später erhielt der Einsatzleiter einen Anruf von Gerhard Geißbock, der Bescheid gab, dass die Zahlung jetzt eingetroffen wäre und die Absperrung ausgeliefert würde. Die Polizisten machten sich auf ihren Posten bereit. Eine weitere halben Stunde verstrich bevor ein Lieferwagen eintraf und die zukünftigen Tatwerkzeuge am Fabrikgebäude ablud.

Nachdem der Fahrer wieder eingestiegen war und das Gelände verlassen hatte, breitete sich bei den Polizisten eine gewisse Anspannung aus. Völlig grundlos wie sich herausstellte. Denn sie starrten einige Stunden auf das verlassene Gebäude und es passierte nichts. Ohne eine Spur von Täter oder zumindest Verdächtigen, stiegen alle Polizisten wieder in die Einsatzwagen ein und fuhren in den Feierabend.

Der Einsatzleiter, Sebastian Schmidt, überlegte, ob sie durch ihre Präsenz wohl eine weitere Straftat vereitelt hatten. Er nahm sich vor, am nächsten Arbeitstag zum Fabrikgebäude zurück zu kehren. Außerdem wollte er Nachforschungen zu dem Bankkonto anstellen, von dem diesmal die Zahlung ausging. Daran dass Margarethe Morgenrot nur ein Tarnname war, hatte er keinen Zweifel. Mit dem Namen allein würde sich der Fall also nicht aufklären lassen.

Am Tag zuvor war einer der Hauptverdächtigen, Herr Oink von Ploink, so wie jeden Arbeitstag an Loch Nummer 2 vorbei gekommen. Doch er konnte seinen Augen nicht trauen: Das Loch war noch dort, aber die Absperrung fehlte. Alles schweißgebadete, nächtliche Betonklötzeschleppen war umsonst gewesen. Die Polizei hatte seine Mühe einfach so zunichte gemacht. Tränen der Wut stiegen in ihm auf. Kurz bevor sie in die Gesichtszüge einstiegen, wischte eine Hand sie entschlossen weg. Etwas musste getan werden!

Inzwischen wurde etwas getan. Oma, Herkules und er machten einen Spaziergang am Stadtrand in der Nähe eines verlassenen Fabrikgebäudes. Sie stiegen in einen klapprigen Lieferwagen ein und fuhren zu Herrn Oink von Ploinks Wohnung. Dort angekommen wurde Omas alter Sessel abgeladen und mit viel Ächzen, Stöhnen und einem Fahrstuhl in die Wohnung transportiert. Vorher hatte der Lieferwagen einen kurzen Zwischenstop in einer unbewohnten Gasse gemacht.

Am nächsten Morgen begab sich Sebastian Schmidt zusammen mit drei Einsatzwagen, die mit Polizisten gefüllt waren, zu einem alten Fabrikgelände. Sie fanden ein altes, verlassen Gebäude – ohne Absperrungen. Dafür stand dort etwas in roter Farbe:

  • "Kennt eure Grenzen und lernt, sie zu überschreiten – eine alte Sachbearbeiterin"

Sebastian Schmidts Vokabular bestand nur zu einem kleinen Teil aus Flüchen. So versuchte er die Situation mit "Verdammt!" zu beschreiben. Nach gründlichem Überlegen schien ihm das nicht angemessen und er fügte noch ein "Verdammt, verdammt!" hinzu. Zufrieden mit diesem Ergebnis, aber unzufrieden mit dem Ermittlungserfolg, machte er sich mit den gefüllten Einsatzwagen auf den Rückweg ins Polizeipräsidium.

Kaum war er in seinem Büro eingetroffen, kam schon ein Mitarbeiter eilig herbei. Dessen Weg zu Sebastian Schmidts Schreibtisch wurde kurz unterbrochen als beide den Klopfgeräuschen lauschten ausgelöst durch mehrfache Zusammenstöße von Mitarbeiterfingerknöchel und Bürotüroberfläche. Völlig unnötigerweise doch der Vollständigkeit wegen sagte Sebastian Schmidt zu dem Mitarbeiter, der bereits vor seinem Schreibtisch stand:

  • "Herein!"
  • "Guten Tag, Herr Schmidt! Ich habe in Erfahrung gebracht, von welchem Bankkonto die potentiell zukünftigen Tatwerkzeuge bezahlt wurden: Von unserem."
  • "Wie bitte?"
  • "Die Absperrungen wurden aus SEGSI-Budget bezahlt."

Anschließend betrat Stille den Raum, schaute sich in allen Ecken einmal um, hielt einen Moment inne, winkte zum Abschied und verschwand dann schließlich wieder um Sebastian Schmidts Worten Platz zu machen:

  • "Wie ist das möglich?"
  • "Genau kann ich das noch nicht sagen, aber wir werden es herausfinden."
  • "Ich bitte darum! Und jetzt gehen Sie zurück an Ihre Arbeit!"

Sebastian Schmidt war sehr aufgebracht. Hätte er am Vormittag nicht schon drei Verdammts verbraucht (und ein heimlich geflüstertes als er sich an der Kaffeetasse verbrannte), dann wäre jetzt sicherlich ein angemessener Augenblick gewesen. In Gedanken listete er auf, was er schon erreicht hatte seit der Hinweis von Gerhard Geißbock kam:

  • einen Tarnnamen ermittelt, der ihn nicht weiter brachte
  • keine Tatwerkzeuge gefunden
  • keinen Kontoinhaber herausgefunden
  • keine akzeptable Begründung für das Loch in seinem Budget

Das Loch störte ihn dabei am meisten. Wie sollte er seinem Vorgesetzten erklären, dass nicht er das Geld ausgegeben hatte, sondern es auf ungeklärte Weise einfach so vom Bankkonto verschwunden war?

Währenddessen saß Herr Oink von Ploink an seinem Schreibtisch. Vor seinen Augen bekämpften sich Zahlenkolonnen. Langsam ergaben sie ein Muster, das nicht nur für seinen Betrachter keinen Sinn ergab. Doch das störte Herrn Oink von Ploink nicht. Er brauchte diese Auswertung für einen Bericht. Während er Schritt für Schritt eine fragwürdige Ordnung in ein selbstgemachtes Chaos brachte, lächelte er.

In den letzten zwei Tagen hatte es vieles gegeben worüber er sich freuen konnte. Dazu gehörte ein gemütliche Sessel in seinem Wohnzimmer, den Oma ihm geschenkt hatte. Dazu gehörte auch das Nichtvorhandensein von Absperrungen auf einem alten Fabrikgelände. Doch insbesondere konnte er es nicht erwarten, nach der Arbeit Oma und Herkules zu besuchen.

Der Duft von frisch gebackenem Zitronenkuchen vermischt mit dem Geruch von Hundefutter bezirzten das Riechorgan von Oskar. Oma begrüßte ihn mit den Worten:

  • "Hallo Oskar! Schön dich zu sehen. Ich habe deinen Lieblingskuchen für dich gebacken."

Kurz huschte ein gequälter Gesichtsausdruck über Oskars Gesicht. Es war einfach kein Marmorkuchen. Doch das Lächeln verteidigte sich tapfer und gewann schließlich die Oberhand.

  • "Hallo Oma! Danke, ich nehme gerne ein Stück."

Der Kuchen war wirklich lecker. Das musste Oskar zugeben. Er schmeckte viel besser als der Marmorkuchen. Doch er hatte sich noch nicht ganz mit dieser Neuerung abgefunden.

  • "Hast du heute schon etwas von der Polizei gehört, Oma?"
  • "Nein, sollte ich?"
  • "Ach, ich wüsste nicht wieso. Schließlich bist du ja nur eine harmlose alte Sachbearbeiterin, die ihren Ruhestand genießt indem sie Zitronenkuchen backt."

Beide mussten lachen. Dann redeten sie noch ein bisschen über das Wetter (es war heute ein wenig sonnig – trotz der allgemeinen nasskalten Stimmung) und Oma erzählte alte Geschichten. Es war ein schöner Abend. Als es spät wurde, gab Oskar Herkules noch ein Leckerli und Oma eine Umarmung bevor er pfeifend nach Hause ging. Vieles hatte sich geändert in seinem Leben und ihm gefiel es. Zu Hause angekommen guckte er sich noch das Ende seiner Lieblingsserie an. Dann fiel ihm etwas auf: In der Werbepause, die folge, war Herr Müller kein einziges Mal zu sehen.

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