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  • "Hallo! Mein Name ist Oink von Ploink.", sagte Herr Oink von Ploink.

Die Sachbearbeiterin hinter dem Glasfenster sah von dem Zettelberg vor ihr auf und spendierte Herrn Oink von Ploink einen neutralen aber leicht gereizt wirkenden Blick.

  • "Guten Tag! Weshalb sind Sie hier?"
  • "Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit ist mir ein beschädigter Bürgersteig aufgefallen. Jetzt wollte ich..."

Weiter kam er nicht, denn die Sachbearbeiterin fiel ihm ins Wort:

  • "Das hier ist die Abteilung für Straßenbau. Sie wollen einen Straßenschaden melden. Dafür müssen Sie in die Abteilung für Straßenausbesserung gehen. Hier sind Sie falsch."

Herr Oink von Ploink überlegte kurz. Die Situation war ihm sichtlich unangenehm. Aber dann wagte er doch eine ungwöhnliche Strategie:

  • "Und es gibt nichts, was Sie da..."
  • "Nein."

Eine kurze Stille folgte. Herr Oink von Ploink überlegte erneut. Dann runzelte er kaum merklich die Stirn und verabschiedete sich:

  • "In Ordnung. Ich bedaure sehr, ihre kostbare Zeit vergeudet zu haben und wünsche Ihnen einen den Umständen entsprechend möglichst angenehmen Abend."
  • "Danke. Nächstes Mal informieren Sie sich bitte vorher anstatt einfach in irgendeine Abteilung hereinzuplatzen."

Herr Oink von Ploink drehte sich um und ging langsam in Richtung Ausgang. Er dachte darüber nach, ob "hereinplatzen" wohl das passende Wort war für die Art wie er es dorthin geschafft hatte. Doch schnell verwarf er den Gedanken und wandte sich wieder seinem eigentlichen Problem zu. Er musste also herausfinden, wo sich die Abteilung für Straßenausbesserung befand.

Die ganze Sache war ein wenig ärgerlich. Seit der Allgemeinen Regelung von Arbeitszeiten und Bezahltem Urlaub (ARABU), galten einheitliche Arbeitszeiten für alle. Das bedeutete, wenn er selbst seinen Arbeitsplatz verließ, schlossen auch alle Ämter. Schriftliche Nachrichten waren zwar möglich, doch hatte Herr Oink von Ploink noch nie von jemandem gehört, dessen Nachricht auch bearbeitet oder beantwortet wurde. Er hatte es auch telefonisch versucht. Der Servicemitarbeiter der Servicehotline gab ihm relativ schnell zu verstehen, dass man da telefonisch leider nichts machen könne und ein persönlicher Termin zur Schilderung des Problems unvermeidbar wäre.

Also hatte Herr Oink von Ploink ein Formular zur Vorzeitigen Entlassung aus dem Regulären Betriebsablauf nach Ordnungsgemäßer Tätigkeit (VERBOT) ausgefüllt. Das Formular musste vom Betriebsrat unterschrieben werden. Er hatte sich also vom Sekretär der Betriebsrätin einen Eiltermin geben lassen. Als auch der direkte Vorgesetzte und die Abteilungsleiterin von Herrn Oink von Ploink dem VERBOT zugestimmt hatten, beeilte er sich, seine Aufgaben für den Tag schneller zu erledigen. Denn erledigt werden mussten sie heute – auch wenn er früher den Arbeitsplatz verlassen durfte.

Einige Kollegen und auch der Vorgesetzte schienen misstrauisch zu werden als Herr Oink von Ploink einen ungewohnten Arbeitseifer zeigte. Sie waren wohl der Überzeugung, er strebe im Geheimen eine Vorzeitige Beförderung nach Zulässiger Steigerung der Durchschnittlichen Tagesleistung (VBZSDT) an. Also fanden sie einige dringende Aufgaben, die von ihm sofortige Erledigung erforderten. Da gab es beispielsweise den Bericht, den er schnell noch Korrektur lesen sollte, weil er sich ja auch schon einmal mit dem Fachgebiet beschäftigt hatte. Herr Oink von Ploinks Vorgesetzter brauchte auf einmal die aktuellen und voraussichtlichen Quartalszahlen, damit er seinem Vorgesetzten diese im Voraus präsentieren konnte. Es wurde auch eine Besprechung einberufen, um im gesamten Team herauszufinden, was jeder Einzelne benötigt, damit er oder sie ihre Arbeit noch effizienter gestalten kann. Dabei führte Herr Oink von Ploink Protokoll, das er im Anschluss an die Besprechung mit seinem Vorgesetzten noch einmal durch ging, um prozessorientierte Maßnahmen abzuleiten.

Nachdem Herr Oink von Ploink nicht nur sein Tagespensum, sondern auch viele zusätzliche Aufgaben, die an einem durchschnittlichen Arbeitstag nicht vorkamen, erledigt hatte, hastete er aus dem Büro. Es war 20 Minuten vor Dienstschluss und zum Glück konnte er die Abteilung für Straßenbau zu Fuß erreichen. Er rannte also den Bürgersteig entlang, nicht ohne noch einige verärgerte Kommentare von Straßenreinigern, die dabei waren, ihre Arbeit zu beenden und kam schließlich 12 Minuten vor Schließzeit an. Am Informationsschalter wurde ihm mitgeteilt, dass er sich im Wartezimmer setzen und eine Nummer ziehen solle. Er war der einzige.

11 Minuten – Kurz darauf, kam der Herr vom Informationsschalter ins Wartezimmer, um mitzuteilen, dass der Sachbearbeiter, der üblicherweise unangekündigte Anfragen bearbeitete, leider sehr beschäftigt wäre und Herr Oink von Ploink es vielleicht in der Unterabteilung für dringende Angelegenheiten noch einmal versuchen solle.

10 Minuten – Wenig später betrat Herr Oink von Ploink also das Wartezimmer im Nachbargebäude und zog auch dort eine Wartenummer.

8 Minuten – Die Dame des dortigen Informationsschalters gab ihm zu bedenken, dass ja gleich Schließzeit wäre und ob sein Anliegen nicht am Tag darauf oder schriftlich bearbeitet werden könne. Herr Oink von Ploink verneinte das (nicht ohne ein schlechtes Gewissen) und wurde informiert, dass in Kürze der nächste freie Mitarbeiter für ihn bereit wäre.

4 Minuten – Herr Oink von Ploink wurde aufgerufen und zu der Sachbearbeiterin gebracht.

Und jetzt fragte er sich, ob all das wirklich notwendig gewesen war. Ob er sich wirklich hatte abmühen müssen bei seiner Arbeit, um rechtzeitig in der falschen Abteilung zu sein. Und ob er sich wirklich weiter mit dem Problem beschäftigen sollte oder darauf hoffen, dass von offizieller Seite schon irgendwer kommen würde um sich darum zu kümmern.

Nein, sagte er sich. Dies war jetzt sein Problem. Er musste es lösen, denn schließlich hatte er es auch entdeckt. Es war seine Pflicht, die Verantwortlichen zu finden und zu informieren. Schließlich konnte ja niemand wissen, ob sich nicht noch ein viel größeres Problem daraus entwickeln würde.

Inzwischen war Herr Oink von Ploink zu Hause angekommen. Er schloss die Wohnungstür hinter sich, zog die Schuhe aus, legte den Mantel ab und holte dann das Telefonbuch aus der Schublade. Im Kapitel für Ämter der Gestaltung und Instandhaltung von Straßeninfrastruktur wurde er fündig. Leider lag die Abteilung für Straßenausbesserung auf der anderen Seite der Stadt. Er musste also mindestens eine Stunde für die Fahrt in der S-Bahn einplanen. Naja, sagte er sich. Dann war es also notwendig, morgen noch ein wenig schneller zu arbeiten.

Als er auf dem Sofa saß und seine Lieblingsserie im Fernsehen anguckte, überlegte er, ob jemand anderes das Problem wohl schneller lösen könnte. Ob, wenn jemand anderes sein Problem zuerst gefunden hätte, er oder sie sofort wüsste, was tun wäre. Diese Gedanken wurden jäh von der Werbepause unterbrochen. Ein Werbespot mit Herrn Müller wurde gezeigt. Herr Oink von Ploink bewunderte Herrn Müller. Er hatte immer für alles eine Lösung. Gerade zeigte er die neue Tomatensuppe mit verbesserter Rezeptur. Bis gerade wusste Herr Oink von Ploink nicht einmal, dass man die Rezeptur von Tomatensuppe noch verbessern konnte. Doch Herr Müller hatte es geschafft. Herr Müller könnte bestimmt auch das Problem von Herrn Oink von Ploink im Handumdrehen lösen.

In der folgenden Nacht hatte Herr Oink von Ploink einen merkwürdigen Traum. Auf dem Weg zur Arbeit fiel ihm ein Loch im Bürgersteig auf. Es war größer als das was er in Wirklichkeit gesehen hatte. Trotzdem beachteten die Menschen es nicht weiter, sondern versuchten darum herum zu laufen. Einige von ihnen stolperten, standen wieder auf und gingen dann weiter als wäre nichts geschehen.

Herr Oink von Ploink blieb stehen und beobachtete das Loch im Boden. Sofort wurde er von hinten angerempelt. Wütende Rufe bombadierten ihn von allen Seiten:

  • "Sie können hier doch nicht einfach so stehen bleiben!"
  • "Müssen Sie nicht zur Arbeit? Warum stehen Sie anderen Leuten im Weg herum?"
  • "Hey, Platz da, sehen Sie nicht dass Sie den Bürgersteig blockieren?"

Langsam und noch ein wenig zögerlich setzte Herr Oink von Ploink sich in Bewegung. Die vorbeihastende Menge rempelte ihn immernoch an. Die zornigen Mitbürger waren verstummt oder schon verschwunden. Das Loch war gar nicht so tief, hatte aber doch etwas beunruhigendes an sich. Vorsichtig balancierte er am Rand vorbei, warf einen letzten Blick zurück und machte sich dann wieder auf den Weg ins Büro.

Dort angekommen, rief er bei der Servicehotline von der Abteilung für Straßenbau an – genau so wie er es am Vormittag getan hatte. Doch anstatt ihn abzuweisen, erkundigte sich die freundliche Stimme am Telefon nach dem genauen Ort des Lochs und behauptete dann sogar:

  • "Vielen Dank, dass Sie uns das gemeldet haben! Wir werden uns so schnell wie möglich darum kümmern. Einen schönen Tag noch für Sie, Herr Oink von Ploink."

Und tatsächlich: In seinem Traum war schon auf dem Rückweg von der Arbeit eine Absperrung um das Loch herum aufgestellt. Es sah sogar danach aus, als hätte jemand schon angefangen, die Gehwegsteine abzutragen und aufzuschichten. Hatte der freundliche Servicemitarbeiter der Servicehotline etwa die Wahrheit gesagt? Kümmerte sich die Abteilung für Straßenbau tatsächlich um eine Angelegenheit der Abteilung für Straßenausbesserung, obwohl das gar nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich lag?

Beflügelt von seinem Traum, wachte Herr Oink von Ploink am nächsten morgen auf. Gut gelaunt aß er sein Frühstück, die gesunden Volllkorncrunchflakes mit dem Extra an Vitamin B, die Herr Müller persönlich in der TV-Werbung empfohlen hatte. Voller Tatendrang zog er sich an und machte sich auf den Weg.

Das Loch war noch da – ohne Absperrung und ohne aufgeschichtete Steine. Vielleicht sogar ein bisschen größer als am Tag davor. Die Leute beachteten es nicht weiter, sondern stiegen einfach darüber hinweg. Aus Angst vor den wütenden Stimmen in seinem Traum, blieb Herr Oink von Ploink nicht stehen.

Im Büro angekommen, versuchte er es sofort bei der Servicehotline der Abteilung für Straßenausbesserung. Doch zuerst rief er leider außerhalb der Sprechzeiten an und als er der Bitte der Bandstimme nachkam und es später erneut versuchte, wurde ihm mitgeteilt, dass sich alle Mitarbeiter zur Zeit in Kundengesprächen befänden, er sich noch ein wenig gedulden solle und dass mit einer voraussichtlichen Wartezeit von etwa 9 Stunden zu rechnen wäre.

Seufzend legte Herr Oink von Ploink auf und fing an, ein weiteres VERBOT-Formular auszufüllen. Es war ihm ein Rätsel, warum er auf jedem Formular wieder seinen Wohnort, seine Sozialversicherungsnummer, seine derzeitige Beschäftigung und eine Kostenkalkulation für den zu erwartenden Arbeitsausfall auflisten musste. Selbstverständlich durften die Kosten nie mehr als 0 betragen. Anträge, die Kosten verursachten, konnten grundsätzlich nicht akzeptiert werden.

Als er sich schon wieder auf den Weg zum Büro seines Vorgesetzten machte, wurde er von einigen Kollegen mistrauisch beäugt. Das Wort VBZSDT schien ihnen ins Gesicht geschrieben zu sein. Die persönliche Assistentin teilte mit, dass Herr Oink von Ploinks Vorgesetzter gerade leider in einer wichtigen Besprechung wäre, sich aber so schnell wie möglich um das Anliegen kümmern würde. Also beeilte Herr Oink von Ploink sich, zurück zu seinem Arbeitsplatz zu kommen.

So wie am Tag zuvor arbeitete er schneller als sonst. Er musste ja die Aufgaben eines ganzen Arbeitstags in zwei Stunden weniger erledigen. Und so wie am Tag zuvor, krochen plötzlich aus allen Richtungen zusätzliche Aufgaben auf ihn zu, die auch am selben Tag erledigt werden mussten. Es war unglaublich wie kreativ einige Kollegen sein konnten, wenn es darum ging, ihn noch ein wenig mehr zu beschäftigen. Beispielsweise gab es plötzlich eine neue Strichliste an der Kaffeemaschine, die sich zufällig in Herrn Oink von Ploinks Blickfeld befand. Er sollte nun kontrollieren, dass sich auch wirklich jeder Mitarbeiter dort eintrug, wenn er sich einen Kaffee holte. Das Ganze diente wohl der besseren Erfassung von Pausenzeiten.

Nach dem Mittagessen wurde Herr Oink von Ploink dann endlich zu seinem Vorgesetzten gerufen. Sie besprachen die gesteigerte Arbeitsleistung des vergangenen Tages und des verstrichenen Vormittags. Der Vorgesetzte äußerte wie besorgt er war:

  • "Sehen Sie, Herr Oink von Ploink, grundsätzlich freuen wir uns über jeden engagierten Mitarbeiter. Maximale Effizienz ist eines unserer wichtigsten Ziele. Dennoch habe ich die Befürchtung, dass Sie ein wenig aus dem Rahmen fallen könnten. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich weiß Ihre gute Arbeit zu schätzen. Doch es passiert schnell, dass aus einem engagierten Mitarbeiter ein überarbeiteter Mitarbeiter wird. Darum ist es wohl nur in Ihrem Interesse, wenn ich dem VERBOT-Antrag nicht zustimme. Sie haben sich ein wenig Ruhe verdient. Verschieben Sie ihre außerbetriebliche Beschäftigung doch auf nächste Woche. Das gibt Ihnen genügend Zeit, zu einem gesunden Arbeitsalltag zurück zu kehren."

Ein klein wenig langsamer als sonst, ging Herr Oink von Ploink zurück an seinen Platz. Auch die Arbeit erledigte er jetzt ein klein wenig langsamer. Schließlich wollte er den Rest des Tages nicht zu engagiert wirken. Auf dem Weg nach Hause musste er an seinen Traum der vergangenen Nacht denken und seufzte heimlich ein bisschen.

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